27.08.2026
Jobverlust ist auch ein Identitätsbruch
Auf die Frage „Wer sind Sie?“ antworten Erwachsene erstaunlich häufig mit ihrem Beruf.
„Ich bin Lehrerin.“ „Ich bin Ingenieur.“ „Ich arbeite im Vertrieb.“
Arbeit ist also nicht nur etwas, das wir tun. Sie wird leicht zu einem Teil dessen, wie wir uns selbst beschreiben.
Fällt der Arbeitsplatz plötzlich weg, entsteht manchmal eine merkwürdige Leerstelle: Die Person ist natürlich noch dieselbe – und fühlt sich trotzdem nicht mehr ganz so.
Kunstbasierte Begleitung kann helfen, diese Situation zunächst sichtbar und erfahrbar zu machen, ohne sie sofort lösen zu müssen.
Vom „Was habe ich verloren?“ zum „Was bleibt?“
Nach einem Jobverlust richtet sich die Aufmerksamkeit verständlicherweise zunächst auf alles Fehlende: Arbeitsplatz, Kolleg:innen, Einkommen, Sicherheit, Status oder vertraute Routinen. Eine
kunstbasierte Begleitung könnte in dieser Zeit den Blick allmählich wieder erweitern.
Eine Collage, eine Zeichnung oder eine räumliche Gestaltung kann beispielsweise drei Bereiche entstehen lassen: Was war – was bleibt – was könnte werden?
Dabei geht es nicht darum, möglichst schnell positiv zu denken. Ein Verlust darf zunächst einfach Verlust sein. Aber neben dem Verlorenen kann langsam wieder das sichtbar werden, was weiterhin
vorhanden ist.
Wenn sich das Denken im Kreis dreht
Nach einem unfreiwilligen Jobverlust können Gedanken schnell kreisen:
Natürlich müssen solche Fragen besprochen werden. Irgendwann produziert weiteres Nachdenken aber nicht zwangsläufig neue Erkenntnisse. Gestalten verändert jedoch häufig die Situation.
Plötzlich muss nicht mehr nur über Möglichkeiten gesprochen werden. Sie können ausprobiert, angeordnet, verändert und miteinander in Beziehung gesetzt werden.
Aus einem abstrakten „Wie könnte es weitergehen?“ entsteht etwas Sichtbares.
Selbstwirksamkeit wieder erfahrbar machen
Besonders interessant ist ein weiterer Aspekt. Bei einem Jobverlust haben häufig andere entschieden: Ein Unternehmen wird umstrukturiert, eine Stelle gestrichen, ein Vertrag nicht verlängert. Der
Mensch erlebt zunächst: Mit mir ist etwas geschehen.
Kreatives Gestalten dreht diese Bewegungsrichtung für einen Moment um. Jetzt entscheidet die Person.
Das klingt unspektakulär. Für einen Veränderungsprozess kann diese Erfahrung jedoch wichtig sein: Ich kann wieder etwas gestalten. Nicht alles. Aber etwas.
Neuorientierung braucht einen Möglichkeitsraum
Berufliche Beratung fragt verständlicherweise schnell: „Was möchten Sie als Nächstes machen?“ Doch vielleicht kommt diese Frage manchmal zu früh.
Denn bevor ein neues Ziel formuliert werden kann, muss möglicherweise erst wieder ein Raum für Möglichkeiten entstehen. Kunstbasierte Begleitung kann genau diesen Raum öffnen.
Das kreative Arbeiten erlaubt zunächst ein Als-ob. Möglichkeiten dürfen existieren, bevor sie realistisch, wirtschaftlich oder vernünftig sein müssen. Die Realitätsprüfung kommt später.
Das Material kann den Veränderungsprozess unterstützen
Auch hier spielt die Materialwahl eine Rolle. Eine Collage eignet sich beispielsweise gut, um aus Fragmenten etwas Neues zusammenzustellen – vorhandene Erfahrungen verschwinden nicht, sondern
bekommen einen neuen Zusammenhang. Ton ermöglicht Veränderung: Eine Form kann entstehen, wieder zusammengedrückt und neu aufgebaut werden. Aquarell verlangt einen gewissen Umgang mit
Unvorhersehbarkeit. Zeichnung kann dagegen Struktur und Übersicht ermöglichen.
Das Material illustriert dabei nicht einfach ein Thema. Es schafft jeweils unterschiedliche Bedingungen für den Prozess.
Und wo liegen die Grenzen?
Kunstbasierte Begleitung ersetzt keine Arbeitsvermittlung, Karriereberatung oder sozialrechtliche Beratung. Sie löst auch keine finanziellen Probleme. Und wenn der Jobverlust eine schwere psychische
Krise auslöst, braucht es gegebenenfalls entsprechende professionelle Unterstützung. Ihre Stärke liegt woanders.
Sie kann Menschen dabei unterstützen, einen Verlust zu verarbeiten, Ressourcen wieder wahrzunehmen, die eigene berufliche Identität von einer konkreten Stelle zu lösen und langsam wieder
Zukunftsmöglichkeiten zu entwickeln.
Vielleicht lautet die wichtigste Frage nach einem Jobverlust zunächst: „Was von mir bleibt, wenn dieser Job nicht mehr da ist – und was möchte daraus als Nächstes entstehen?“
Genau zwischen diesen beiden Fragen kann kunstbasierte Begleitung einen Möglichkeitsraum fürs Sichausprobieren eröffnen.