Kluge Ideen für ein bunteres Leben
 Kluge Ideen für ein bunteres Leben

Kunstbasiert Begleiten. Band 1

31.08.2026

Ein weißes Blatt Papier, ein Kohlestift und die Aufforderung, eine erste Spur zu setzen – ohne zu wissen, wohin sie führt.


Genau an diesem Punkt setzt das Buch „Kunstbasiert Begleiten – Ein Prozessmodell für kreatives Arbeiten in Coaching, Bildung und Beratung" an. Es ist kein Übungsbuch im klassischen Sinn und auch kein kunsttherapeutisches Lehrwerk. Im Zentrum steht vielmehr eine Frage, die viele Coaches, Berater:innen, Pädagog:innen und andere professionell Begleitende aus ihrer Praxis kennen: Wie lassen sich kreative Prozesse so begleiten, dass sie offen bleiben und zugleich sicher, nachvollziehbar und professionell gerahmt sind?

Eine kreative Methode anzubieten ist vergleichsweise einfach. Papier liegt auf dem Tisch, Farben oder Kohle stehen bereit, eine Aufgabe ist formuliert. Die eigentliche Herausforderung beginnt jedoch mit dem Prozess, den diese Aufgabe auslöst. Vielleicht stockt jemand plötzlich, vielleicht wird eine Gestaltung unerwartet intensiv, vielleicht entsteht Unsicherheit oder die Tendenz, immer schneller und mit immer mehr Material weiterzuarbeiten. In solchen Situationen reicht es nicht, den nächsten kreativen Impuls anzubieten. Genau hier braucht es eine klare professionelle Haltung.
Kunstbasierte Begleitung versteht künstlerisches Tun als professionell gerahmten Erlebnis- und Erfahrungsraum. Im Mittelpunkt stehen Wahrnehmung, Orientierung und Selbstregulation – nicht ein gelungenes Werk. Der Prozess soll nicht auf ein vorab bestimmtes Ergebnis zulaufen, sondern Bedingungen schaffen, unter denen Menschen eigene Erfahrungen machen, Entscheidungen treffen und auf das reagieren können, was im Gestalten entsteht.
Ein zentrales Prinzip des Buches ist dabei der bewusste Verzicht auf psychologische oder symbolische Deutung. Eine dunkle Fläche beweist keine Traurigkeit, eine rote Form keine Wut und ein leerer Bildbereich keine innere Leere. Solche Zuschreibungen entstehen häufig im Blick der betrachtenden Person und haben oft nichts mit der Erfahrung des Menschen zu tun, der gestaltet hat. Die Bedeutung eines Bildes bleibt deshalb zunächst bei der Person, die es geschaffen hat. Die begleitende Fachkraft sorgt für Struktur, Sicherheit und einen klaren Rahmen, beobachtet mögliche Überforderung und stellt eigene Deutungsimpulse zurück. An die Stelle interpretierender Fragen treten wahrnehmungsbezogene Impulse. Statt zu fragen, warum eine Fläche schwarz gemalt wurde, kann die Aufmerksamkeit beispielsweise darauf gerichtet werden, was beim Betrachten mit etwas Abstand auffällt. Der Unterschied wirkt zunächst klein, verändert aber die gesamte Haltung. Nicht die Erklärung steht im Vordergrund, sondern die Erfahrung.


Das Herzstück: ein 5-Phasen-Modell als Landkarte

Aus der systematischen Beobachtung zahlreicher kreativer Prozesse ist ein Modell entstanden, das den Kern des Buches bildet. Es beschreibt fünf wiederkehrende Prozessqualitäten:

  • Ankommen und Orientieren – Verorten, Kontakt herstellen, zur Ruhe kommen
  • Fokussieren und Auswählen – Sammeln, Überblicken, Ausrichten
  • Vertiefen und Vertrauen – Dabeibleiben, Beziehung zum Prozess halten
  • Abstand und Integration – Strukturieren, Einordnen, Zusammenfügen
  • Abschließen und Überleiten – Abrunden, Stabilisieren, Alltagstransfer

 

Wichtig ist dabei: Das Modell ist keine Treppe, die linear von Stufe eins bis fünf erklommen wird. Es ist eine Landkarte. Menschen bewegen sich vor und zurück, verweilen unterschiedlich lange in einzelnen Phasen oder benötigen erneut Orientierung, wenn Unruhe oder Überforderung auftauchen. Eine Rückkehr zu früheren Phasen  ist kein Rückschritt, sondern kann eine sinnvolle Form der Selbstregulation sein. Jede Phase wird im Buch ausführlich beschrieben. Dazu gehören die jeweilige Funktion, ihre Ziele und Wirkmechanismen, die Rolle der begleitenden Person, typische Risiken und Grenzen sowie Hinweise darauf, woran erkennbar wird, dass ein Übergang sinnvoll sein könnte.

In Phase 1 – Ankommen und Orientieren – geht es beispielsweise noch nicht darum, möglichst schnell etwas Ausdrucksstarkes zu gestalten. Eine einfache Übung mit Papier und Kohle kann bereits genügen. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf Druck, Tempo, Bewegung und Pausen. Das entstehende Bild ist zweitrangig; entscheidend ist, dass Wahrnehmung und Selbstregulation möglich werden.
In Phase 2 – Fokussieren und Auswählen – darf aus mehreren Möglichkeiten etwas hervortreten. Mit einem Passepartout kann zum Beispiel ein Ausschnitt aus einer bereits entstandenen Arbeit gewählt und anschließend weitergeführt werden. Dabei geht es nicht darum, die „richtige" Stelle zu finden, sondern darum, eine Auswahl treffen zu können, ohne sie erklären oder rechtfertigen zu müssen.
Phase 3 – Vertiefen und Vertrauen – setzt einen anderen Akzent. Hier steht nicht das Neue im Mittelpunkt, sondern das Dabeibleiben. Eine Linie, Farbe oder Form kann wiederholt und nur leicht verändert werden. Vertiefung bedeutet hier nicht automatisch mehr Intensität, sondern kann gerade in Wiederholung, Rhythmus und Kontinuität liegen. Das Buch formuliert diesen Gedanken als ein bewusstes „Weiter so" statt eines ständigen „Mehr".
In Phase 4 – Abstand und Integration – verändert sich der Blick. Die gestaltende Person tritt beispielsweise einen Schritt zurück und beschreibt zunächst nur, was sichtbar ist: Formen, Farben, dichte und leere Bereiche, Wiederholungen oder Unterbrechungen. Das Werk wird betrachtet, nicht psychologisch analysiert. So kann Einordnung entstehen, ohne dass Bedeutung von außen festgelegt wird.
Die fünfte Phase, Abschließen und Überleiten, richtet den Blick schließlich auf das bewusste Ende eines Prozesses. Das Werk kann noch einmal betrachtet und anschließend in eine Mappe gelegt, abgeheftet oder an einen bestimmten Ort gestellt werden. Diese einfache körperliche Handlung markiert, dass der Prozess für diesen Moment beendet sein darf. Nicht jede Erfahrung muss vollständig ausgewertet und nicht jede Gestaltung in ein neues Ziel überführt werden.


Kein Sammelsurium an Übungen, sondern strukturierte Erfahrungsräume
Das Buch will nicht möglichst viele originelle Kreativübungen sammeln. Entscheidend ist vielmehr, welche Funktion eine Aufgabe innerhalb eines Prozesses übernimmt.
Manchmal braucht ein Prozess mehr Zeit, manchmal weniger Material. Manchmal hilft eine klare Auswahl, manchmal Wiederholung, manchmal Abstand und manchmal schlicht ein Ende. Dieselbe Übung kann deshalb in einer Situation sinnvoll und in einer anderen unpassend sein. Die Beispielübungen sind aus diesem Grund jeweils mit Setting, Dauer, Material, Durchführung, möglichen Begleitfragen und Hinweisen zum Abschluss beschrieben. Sie werden nicht als isolierte Tools verstanden, sondern als strukturierte Erfahrungsräume, in denen Wahrnehmung, Fokus, Vertiefung, Abstand oder Abschluss unterstützt werden können. Ergänzt werden sie durch Fallbeispiele, Hinweise zu Sicherheit und Phasenwechseln, Checklisten, Reflexionsbögen und Arbeitsmaterialien. Auch die Übertragung des Modells auf digitale Settings wird im Buch aufgegriffen.

Für wen ist das Buch gedacht?


Das Buch richtet sich an Fachkräfte, die kreative Prozesse professionell und nicht-therapeutisch einsetzen möchten, unter anderem in Coaching, Beratung, Pädagogik, Erwachsenenbildung, kultureller Bildung und Ressourcenarbeit.
Gerade diese Abgrenzung ist für das Buch wesentlich. Kunstbasierte Begleitung ersetzt keine Therapie und verfolgt keine heilkundlichen Ziele. Ihre Aufgabe liegt in der professionellen Gestaltung eines Rahmens, der Wahrnehmung, Orientierung, Selbstkontakt und Prozessqualität unterstützt.

 

 

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© Christine Wahn | Kreativitätstraining & Coaching | Elhorn 1 25836 Welt