Kluge Ideen für ein bunteres Leben
 Kluge Ideen für ein bunteres Leben

Vielleicht beginnt Selbstbewusstsein mit: „Ich nehme mich wahr“...

03.09.2026

„Du musst einfach selbstbewusster werden.“ Ein Satz, der schnell gesagt ist und wenig darüber verrät, wie das eigentlich gehen soll. Denn Selbstbewusstsein lässt sich nicht einfach beschließen. Wer sich in einer Gruppe kaum zu Wort meldet, die eigenen Fähigkeiten unterschätzt oder Entscheidungen immer wieder infrage stellt, wird durch die Aufforderung, selbstbewusster aufzutreten, vermutlich wenig gewinnen.
Interessanter wird es, wenn wir das Wort einmal wörtlich nehmen: Selbst-Bewusstsein.
Sich seiner selbst bewusst sein bedeutet zunächst, wahrzunehmen, was man empfindet, möchte, braucht, entscheidet und tut. Dazu gehört auch, die eigene Wirkung zu erleben und Unterschiede zwischen eigenen Vorstellungen und den Erwartungen anderer erkennen zu können. Genau an dieser Stelle kann kunstbasierte Begleitung interessant werden.
Denn beim Gestalten bleibt das eigene Handeln nicht nur ein Gedanke. Es hinterlässt Spuren.

 

Auf einmal wird eine Entscheidung sichtbar
Nehmen wir eine einfache Situation. Vor einer Person liegen ein großes Blatt Papier und verschiedene Zeichenmaterialien. Die Aufgabe besteht darin, eine Fläche so zu gestalten, wie es im Moment stimmig erscheint. Schon beginnt ein Prozess voller kleiner Entscheidungen. Welches Material nehme ich? Wo beginne ich? Wie viel Platz beanspruche ich? Arbeite ich kräftig oder vorsichtig? Bleibe ich bei einer Spur oder verändere ich sie?
Keine dieser Entscheidungen ist für sich genommen spektakulär. Zusammengenommen machen sie jedoch etwas erfahrbar, das im Alltag häufig übersehen wird:
Ich handle – und mein Handeln verändert etwas. Eine Linie ist anschließend dort, wo vorher keine war. Eine Fläche bekommt eine Farbe, weil ich sie gewählt habe. Ich kann etwas hinzufügen, überarbeiten oder stehen lassen.

Das klingt banal. Und doch steckt darin eine wichtige Erfahrung von Selbstwirksamkeit.
Kunstbasierte Begleitung versucht dabei nicht, aus der Gestaltung Rückschlüsse auf die Persönlichkeit zu ziehen. Eine kleine Zeichnung bedeutet nicht automatisch, dass jemand „zu wenig Raum einnimmt“, und eine kräftige Linie beweist kein starkes Selbstbewusstsein. Entscheidend ist vielmehr, was die gestaltende Person selbst während des Prozesses wahrnimmt.

 

Selbstbewusstsein braucht Wahrnehmung
Wer selbstbewusster werden möchte, denkt häufig zuerst an sichtbares Verhalten: deutlicher sprechen, sich durchsetzen, Grenzen setzen oder vor anderen sicherer auftreten. Doch davor liegt etwas Grundlegenderes. Ich muss überhaupt bemerken können, was für mich stimmt und was nicht. Kreative Prozesse können dafür einen überschaubaren Erfahrungsraum schaffen. Beim Gestalten lässt sich beispielsweise wahrnehmen, ob eine Entscheidung leichtfällt oder immer wieder korrigiert wird, ob das eigene Tempo angenehm ist, ob mehr oder weniger Material hilfreich wäre oder ob der Impuls entsteht, etwas zu verändern, obwohl es sich eigentlich bereits stimmig anfühlt.
Die begleitende Person muss solche Beobachtungen nicht interpretieren. Sie kann vielmehr Fragen stellen, die die Selbstwahrnehmung unterstützen: Was fühlt sich an dieser Stelle stimmig an? Was möchten Sie beibehalten? Was würden Sie verändern? Wo möchten Sie noch etwas hinzufügen – und wo bewusst nicht? Damit verschiebt sich die Aufmerksamkeit von der Bewertung des Ergebnisses hin zur Wahrnehmung eigener Entscheidungen.


Nicht „schöner“, sondern eigener
Gerade beim Thema Selbstbewusstsein begegnet uns beim Gestalten allerdings ein alter Bekannter: der Vergleich.

  • „Die anderen können das besser.“
  • „Mein Bild sieht nicht so gut aus.“
  • „Ich kann überhaupt nicht malen.“

Solche Sätze zeigen, wie schnell sich die Aufmerksamkeit vom eigenen Erleben auf einen äußeren Maßstab verschiebt. Plötzlich geht es nicht mehr darum, was jemand ausdrücken oder ausprobieren möchte, sondern darum, ob das Ergebnis den vermuteten Erwartungen anderer entspricht.
Kunstbasierte Begleitung setzt hier einen anderen Rahmen. Entscheidend ist die Erfahrung, einen eigenen gestalterischen Weg zu finden und Entscheidungen nicht permanent an der Reaktion anderer auszurichten. Das kann bedeuten, bei einer Farbe zu bleiben, obwohl andere längst weitere Farben verwenden. Es kann heißen, eine Arbeit für beendet zu erklären, obwohl noch viel Platz auf dem Blatt ist. Oder eine Stelle nicht zu verändern, obwohl jemand anderes einen Verbesserungsvorschlag macht.
Selbstbewusstsein zeigt sich darin, die eigene Wahrnehmung ernst nehmen zu können.

 

Auch ein „Nein" kann gestaltet werden
Damit berührt das Thema Selbstbewusstsein unmittelbar die Frage nach Grenzen.
Eine einfache Übung kann beispielsweise darin bestehen, auf einem großen Blatt einen eigenen Bereich entstehen zu lassen. Die Person entscheidet selbst, wie groß dieser Bereich sein soll, wodurch er begrenzt wird und ob seine Grenze deutlich, durchlässig, unterbrochen oder veränderbar sein darf.
Interessant wird es anschließend durch die Erfahrung während des Gestaltens. War es leicht, sich für eine Größe zu entscheiden? Wollte ich mehr Platz? Wann war die Grenze für mich stimmig? Was geschah, als ich sie veränderte?
Die Gestaltung macht eine Grenze zunächst handelbar. Auf dem Papier kann ausprobiert werden, was im Alltag häufig wesentlich schwieriger ist: etwas festlegen, verändern, schützen oder auch wieder öffnen. Dabei kann eine wichtige Erfahrung entstehen: Ich darf eine Grenze setzen und trotzdem in Beziehung bleiben.

 

Selbstbewusstsein heißt auch, Unsicherheit auszuhalten

Ein stabiles Selbstbewusstsein zeigt sich allerdings nicht nur dort, wo jemand genau weiß, was er möchte. Ebenso wichtig ist die Fähigkeit, mit Momenten umzugehen, in denen noch keine Antwort vorhanden ist. Gerade offene kreative Prozesse erzeugen solche Situationen fast zwangsläufig. Eine Farbe verläuft anders als geplant, eine Collage entwickelt eine unerwartete Richtung oder eine Zeichnung gefällt plötzlich nicht mehr. Der ursprüngliche Plan funktioniert nicht. Nun muss nicht sofort eine perfekte Lösung gefunden werden. Die Person kann wahrnehmen, innehalten, ausprobieren und eine neue Entscheidung treffen.
Damit entsteht ein kleiner Erfahrungsraum für etwas, das weit über das Gestalten hinausreicht: Ich kann unsicher sein und trotzdem handlungsfähig bleiben.
Vielleicht ist das eine der unterschätzten Seiten von Selbstbewusstsein. Es bedeutet, der eigenen Fähigkeit zu vertrauen, mit Unsicherheit umgehen zu können.


Vom Gestalten zurück in den Alltag
Damit solche Erfahrungen nicht auf dem Papier bleiben, braucht es am Ende eines kreativen Prozesses einen behutsamen Transfer. Hilfreich können sehr konkrete Fragen sein: Welche Entscheidung war heute wichtig? Wo haben Sie gemerkt, dass etwas für Sie stimmig war? Wann haben Sie Ihre Meinung geändert? Was möchten Sie aus dieser Erfahrung mitnehmen? Vielleicht stellt jemand fest, dass es überraschend gutgetan hat, eine Arbeit nicht noch einmal zu verbessern. Eine andere Person bemerkt, wie schwer es ihr fiel, sich für eine Farbe zu entscheiden. Jemand anderes erlebt zum ersten Mal ganz selbstverständlich: „Nein, so möchte ich es lassen.“

Solche kleinen Erfahrungen verändern nicht automatisch das Selbstbewusstsein eines Menschen. Kunstbasierte Begleitung ist kein Trainingsprogramm, das nach einigen Übungen zwangsläufig zu mehr Selbstsicherheit führt. Sie kann jedoch Bedingungen schaffen, unter denen Menschen etwas Entscheidendes üben und erfahren können: sich selbst wahrzunehmen, eigene Entscheidungen zu treffen, deren Wirkung zu erleben, Grenzen zu setzen, Unsicherheit auszuhalten und dem eigenen Erleben zunehmend zu vertrauen.

Selbstbewusstsein wächst dort, wo ein Mensch sich selbst wahrnimmt und erlebt: Ich kann entscheiden, ich kann etwas verändern – und ich darf auch etwas so lassen, wie es für mich stimmig ist.

 

 

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© Christine Wahn | Kreativitätstraining & Coaching | Elhorn 1 25836 Welt