Kluge Ideen für ein bunteres Leben
 Kluge Ideen für ein bunteres Leben

Was kunstbasierte Begleitung zur Entwicklung von Teamfähigkeit beitragen kann

12.09.2026

 

 

„Ich bin teamfähig.“ Dieser Satz steht vermutlich in unzähligen Bewerbungen. Gemeint ist damit meistens: Ich kann gut mit anderen zusammenarbeiten, bin kommunikativ, kompromissbereit und zuverlässig. Doch Teamfähigkeit zeigt sich selten dann, wenn alle dasselbe wollen. Interessant wird sie dort, wo unterschiedliche Vorstellungen aufeinandertreffen. Einer möchte schnell anfangen, eine andere erst planen. Jemand übernimmt selbstverständlich die Führung, während ein anderer zunächst beobachtet. Einer möchte das Ergebnis perfektionieren, während die Kollegin längst findet, dass es gut genug ist. Teamfähigkeit zeigt sich besonders in der Fähigkeit, die eigene Position wahrzunehmen, andere Positionen gelten zu lassen und trotzdem gemeinsam handlungsfähig zu bleiben. Genau hier kann kunstbasierte Begleitung einen besonderen Erfahrungsraum eröffnen.


Wenn Zusammenarbeit sichtbar wird
Stellen wir uns vier Menschen vor einem großen Blatt Papier vor. Die Aufgabe ist einfach: Gestaltet gemeinsam eine Arbeit. Jede Person darf beginnen, ergänzen, verändern und auf bereits Vorhandenes reagieren. Schon nach wenigen Minuten geschieht etwas Bemerkenswertes. Eine Person beginnt sofort. Eine zweite fragt zunächst, was überhaupt entstehen soll. Jemand beansprucht viel Fläche. Eine andere Person arbeitet vorsichtig am Rand. Vielleicht entsteht ein gemeinsamer Rhythmus – vielleicht aber auch Irritation, weil jemand über eine bereits gestaltete Fläche malt.
Was sonst in Teamsitzungen abstrakt besprochen wird, geschieht nun unmittelbar im gemeinsamen Tun.

  • Wer übernimmt Initiative?
  • Wer wartet?
  • Wie werden Entscheidungen getroffen?
  • Was geschieht, wenn jemand eine andere Idee hat?
  • Wie viel Abstimmung braucht die Gruppe – und wann verhindert Abstimmung vielleicht sogar spontanes Handeln?

Das gemeinsame Werk wird dabei nicht zum psychologischen Test. Eine kleine Form am Rand beweist nicht, dass jemand auch im Berufsleben eine Außenseiterrolle einnimmt. Wer großflächig malt, ist deshalb nicht automatisch dominant. Entscheidend ist der erlebte Prozess.


Nicht das Bild zeigt die Teamfähigkeit – der Prozess macht sie erfahrbar
Das ist eine wichtige Unterscheidung. Kunstbasierte Begleitung interpretiert nicht das entstandene Gemeinschaftsbild. Sie richtet die Aufmerksamkeit darauf, was während seiner Entstehung wahrgenommen und erlebt wurde. Die begleitende Person könnte beispielsweise fragen:

  • Wann fiel Ihnen Zusammenarbeit leicht?
  • Wann mussten Sie sich abstimmen?
  • Gab es einen Moment, in dem Sie Ihre ursprüngliche Idee verändert haben?
  • Wann haben Sie Initiative übernommen?
  • Wann haben Sie jemand anderem Raum gegeben?
  • Gab es einen Moment, in dem Sie gerne eingegriffen hätten und es nicht getan haben?

Damit wird nicht aus dem Bild auf die Persönlichkeit geschlossen. Die Beteiligten reflektieren ihre eigene Erfahrung. Und möglicherweise entsteht dabei eine überraschende Erkenntnis: „Ich dachte immer, ich würde mich in Gruppen eher zurückhalten. Heute habe ich gemerkt, wie schnell ich die Richtung vorgebe, wenn niemand anders anfängt.“ Eine solche Beobachtung muss nicht bewertet werden. Sie erweitert zunächst die Wahrnehmung des eigenen Verhaltens.


Teamfähigkeit beginnt bei der Selbstwahrnehmung
Das klingt zunächst paradox. Schließlich geht es bei Teamarbeit um andere Menschen.
Doch wer die eigenen Reaktionen kaum wahrnimmt, kann auch schwer flexibel mit ihnen umgehen. Vielleicht werde ich unruhig, wenn eine Gruppe lange diskutiert. Vielleicht brauche ich zunächst einen Plan. Vielleicht fällt es mir schwer, eine eigene Idee loszulassen. Vielleicht übernehme ich Verantwortung, sobald Unsicherheit entsteht. Oder ich ziehe mich zurück, wenn andere sehr entschieden auftreten. Keine dieser Reaktionen ist grundsätzlich richtig oder falsch. Problematisch werden Verhaltensmuster eher dann, wenn sie automatisch ablaufen und unabhängig von der jeweiligen Situation immer wieder eingesetzt werden.
Teamfähigkeit könnte deshalb auch bedeuten: Ich kenne meine bevorzugte Art, mich in Gruppen zu bewegen – aber ich bin ihr nicht vollständig ausgeliefert.


Eine Rolle ist keine Persönlichkeit
Gerade bei Teamtrainings wird gern mit Rollenmodellen gearbeitet. Sie können hilfreich sein, bergen aber auch die Gefahr einer schnellen Festlegung: „Du bist eben die Kreative“, „Er ist der Macher“, „Sie ist eher die Vermittlerin“. Kunstbasierte Begleitung kann einen anderen Zugang wählen.
In einer Gestaltungsaufgabe kann eine Person beispielsweise bewusst eine ungewohnte Position ausprobieren. Wer normalerweise sofort Ideen entwickelt, wartet diesmal zunächst ab. Wer häufig koordiniert, übernimmt keine Führung. Wer sich eher zurückhält, setzt den ersten gestalterischen Impuls. Dadurch entsteht kein Persönlichkeitstest, sondern ein Experiment: Was verändert sich, wenn ich mich anders verhalte als gewöhnlich?
Vielleicht fühlt sich die ungewohnte Rolle zunächst unangenehm an. Vielleicht entsteht Entlastung. Vielleicht stellt jemand fest, dass die Gruppe auch ohne das eigene permanente Eingreifen gut weiterarbeitet. Teamfähigkeit bekommt damit eine weitere Dimension: Rollenflexibilität.
Nicht die Frage „Welche Rolle bin ich?“ steht im Mittelpunkt, sondern: „Welche Rolle übernehme ich unter welchen Bedingungen – und könnte ich auch anders handeln?“


Teamarbeit braucht Raum für Unterschiede
Eine Gruppe wird nicht dadurch zum guten Team, dass Unterschiede verschwinden. Im Gegenteil: Unterschiedliche Erfahrungen, Denkweisen, Arbeitsgeschwindigkeiten und Perspektiven können gerade die Stärke eines Teams ausmachen. Schwierig wird es, wenn Unterschiede nicht ausgehalten oder produktiv miteinander verbunden werden können. Das lässt sich gestalterisch sehr einfach erfahrbar machen.
Vier Personen erhalten beispielsweise unterschiedliche Materialien. Eine arbeitet mit Kohle, eine mit Collagepapier, eine mit Farbstiften und eine mit Kreide. Gemeinsam soll eine Arbeit entstehen. Nun lässt sich Unterschiedlichkeit nicht vollständig beseitigen. Die Materialien reagieren verschieden, erzeugen unterschiedliche Spuren und verlangen unterschiedliche Arbeitsweisen.  Die Herausforderung lautet:
Wie kann aus Verschiedenem etwas Gemeinsames entstehen, ohne dass das Verschiedene verschwinden muss? Das ist letztlich auch eine Kernfrage gelingender Teamarbeit.


Was geschieht, wenn jemand meine Arbeit verändert?
Besonders aufschlussreich wird gemeinsames Gestalten dort, wo die Beteiligten tatsächlich aufeinander reagieren müssen. Eine Person beginnt eine Gestaltung. Nach einigen Minuten wird das Blatt weitergegeben. Die nächste Person arbeitet daran weiter.
Plötzlich entsteht eine Situation, die emotional durchaus interessant sein kann. „Das wollte ich eigentlich ganz anders.“ „Jetzt hat sie genau die Stelle überklebt, die mir gefallen hat.“ „Seine Ergänzung bringt mich auf eine Idee, auf die ich selbst nie gekommen wäre.“
In einem kleinen, überschaubaren Rahmen werden damit zentrale Erfahrungen von Zusammenarbeit berührt: Kontrolle abgeben, Einfluss anderer zulassen, eigene Vorstellungen vertreten, Veränderungen akzeptieren und auf Unerwartetes reagieren.
Auch hier geht es nicht darum, möglichst viel Irritation zu erzeugen. Professionelle Begleitung achtet auf Dosierung und Sicherheit. Niemand muss erleben, dass etwas persönlich Wichtiges gegen den eigenen Willen zerstört wird. Kooperation braucht Herausforderung – aber keine Überforderung.


Ein gutes Team braucht nicht immer mehr Ideen
Auch ein weiterer Gedanke kunstbasierter Begleitung lässt sich hervorragend auf Teamarbeit übertragen: Vertiefung entsteht nicht zwangsläufig durch ein Mehr. Teams geraten manchmal in einen Modus permanenter Ideenproduktion. Noch eine Möglichkeit, noch ein Vorschlag, noch ein Post-it. Doch irgendwann braucht Zusammenarbeit keine neue Idee mehr, sondern eine Entscheidung.
Eine Gruppe könnte deshalb nach einer offenen Gestaltungsphase aufgefordert werden, gemeinsam ein Element auszuwählen und nur dieses weiterzuführen.
Nun verändert sich die Aufgabe. Nicht Kreativität ist das Problem, sondern Auswahl.

  • Welche Idee verfolgen wir gemeinsam?
  • Wer kann die eigene Idee zurückstellen?
  • Wie wird entschieden?
  • Brauchen wir Konsens?
  • Kann ich eine Entscheidung mittragen, obwohl sie nicht meine bevorzugte Lösung war?

Gerade darin zeigt sich Teamfähigkeit oft deutlicher als beim Brainstorming.


Auch Konflikte gehören zur Teamfähigkeit
Ein gutes Team ist nicht konfliktfrei. Wenn mehrere Menschen gemeinsam handeln, entstehen unterschiedliche Interessen, Wahrnehmungen und Vorstellungen. Entscheidend ist deshalb nicht, Konflikte vollständig zu vermeiden, sondern mit ihnen umgehen zu können. Ein gemeinsamer Gestaltungsprozess kann kleinere Irritationen sichtbar und besprechbar machen, bevor daraus große persönliche Zuschreibungen werden. Statt zu sagen: „Du setzt dich immer durch“, könnte jemand beschreiben: „Als du die große Fläche übermalt hast, habe ich gemerkt, dass ich mich geärgert habe. Gleichzeitig habe ich nichts gesagt.“ Damit verändert sich die Kommunikation. Aus einer Bewertung der anderen Person wird eine Beschreibung der eigenen Wahrnehmung und des eigenen Handelns. Das ist für Teamarbeit ein erheblicher Unterschied. Vom gemeinsamen Bild zurück in den Arbeitsalltag
Am Ende eines kunstbasierten Teamprozesses sollte deshalb nicht die Frage stehen:
„Was sagt dieses Bild über unser Team aus?“ Eine solche Frage lädt geradezu zur Interpretation ein. Interessanter sind konkrete Prozessfragen:

  • Wann waren wir wirklich gemeinsam tätig?
  • Wann arbeiteten wir eher nebeneinander?
  • Wie haben wir Entscheidungen getroffen?
  • Wo entstand Energie?
  • Wann wurde es schwierig?
  • Was hat uns geholfen, wieder weiterzukommen?
  • Wer brauchte wann Raum?
  • Und was davon kennen wir aus unserem Arbeitsalltag?

Erst durch diesen letzten Schritt wird aus einer kreativen Erfahrung eine Erfahrung, die für Zusammenarbeit relevant werden kann.


Teamfähigkeit ist Beweglichkeit
Kunstbasierte Begleitung macht aus einer Gruppe nicht automatisch ein gutes Team. Ein gemeinsames Bild löst keine strukturellen Konflikte, schlechte Führung, unklare Verantwortlichkeiten oder dauerhaft problematische Arbeitsbedingungen. Aber gemeinsames Gestalten kann Verhaltensweisen in einem überschaubaren Rahmen erfahrbar und reflektierbar machen. Menschen können erleben, wie sie Initiative übernehmen, Raum geben, Entscheidungen treffen, auf andere reagieren, Kontrolle abgeben, Unterschiede aushalten und mit unerwarteten Veränderungen umgehen. Vielleicht führt das zu einem etwas anderen Verständnis von Teamfähigkeit.
Teamfähig ist nicht der Mensch, der sich immer anpasst, aber auch nicht derjenige, der immer führt. Und auch nicht derjenige, der alle Konflikte vermeidet.
Teamfähigkeit zeigt sich vielmehr darin, die eigene Position wahrnehmen und vertreten zu können, andere Positionen gelten zu lassen und das eigene Verhalten so flexibel zu verändern, dass gemeinsames Handeln möglich bleibt. Ein gemeinsames Bild kann das nicht beweisen. Aber der Weg, auf dem es entsteht, kann erstaunlich viel davon erfahrbar machen.

 

 

 

Kommentare

Es sind noch keine Einträge vorhanden.
Bitte geben Sie den Code ein
* Pflichtfelder
Druckversion | Sitemap
© Christine Wahn | Kreativitätstraining & Coaching | Elhorn 1 25836 Welt