05.09.2026
Zunächst lohnt es sich, zwischen Wertearbeit und Bedürfnisarbeit zu unterscheiden. Werte geben Orientierung dafür, wie wir leben und handeln möchten. Bedürfnisse beziehen sich stärker darauf, was wir gegenwärtig brauchen. Kunstbasierte Begleitung kann beides erfahrbar machen – ohne Werte oder Bedürfnisse aus einem Bild „herauszulesen“.
Wenn aus Begriffen Erfahrungen werden
In klassischen Übungen zur Werte- und Bedürfnisarbeit werden häufig Begriffe ausgewählt: Sicherheit, Freiheit, Zugehörigkeit, Anerkennung, Autonomie, Ruhe oder Entwicklung. Das kann hilfreich sein, bleibt jedoch leicht auf einer kognitiven Ebene.
Im Gestalten kommt eine weitere Ebene hinzu: Aus Begriffen, Vorstellungen und Überlegungen können konkrete Entscheidungen und Erfahrungen werden.
Eine Person entscheidet beispielsweise, welche Farben, Formen, Materialien oder Bildausschnitte sie weiterverfolgen möchte. Dabei kann sie unmittelbar wahrnehmen:
Das zieht mich an. Das möchte ich behalten. Davon möchte ich mehr. Das ist mir zu viel. Hier brauche ich Abstand.
Solche Entscheidungen müssen zunächst gar nicht begründet werden. Die Person wählt aus, verändert, verwirft oder lässt etwas bestehen – und erlebt dabei die Wirkung des eigenen Handelns. Genau diese Eigenentscheidung ist auch in meinem 5-Phasen-Modell der kunstbasierten Begleitung angelegt. In Phase 2 geht es darum, aus verschiedenen Möglichkeiten etwas auszuwählen, ohne diese Wahl sofort erklären oder rechtfertigen zu müssen. So kann Gestaltung zu einem Übungsraum für Selbstwahrnehmung und aktive Selbststeuerung werden. Für die Werte- und Bedürfnisarbeit ergeben sich daraus verschiedene Möglichkeiten: Wahrnehmen:
Bedürfnisse müssen nicht sofort benannt werden
Gerade bei der Bedürfnisarbeit liegt darin eine besondere Möglichkeit. Kunstbasierte Begleitung muss nicht mit der Frage beginnen: „Welches Bedürfnis haben Sie?“
Eine Person kann zunächst gestalten und währenddessen feststellen:
Das sind zunächst Beobachtungen und Entscheidungen innerhalb des Gestaltungsprozesses. Die Begleitung muss daraus keine psychologische Bedeutung ableiten. „Mehr Platz“ bedeutet nicht automatisch Autonomie. Eine geschlossene Form steht nicht automatisch für Schutz. Und Rot ist weder zwangsläufig Ausdruck von Vitalität noch von Aggression. Formen, Farben und gestalterische Handlungen werden in der kunstbasierten Begleitung nicht psychologisch oder symbolisch gedeutet. Stattdessen bleibt die Aufmerksamkeit beim Erleben der gestaltenden Person.
Eine mögliche Frage wäre beispielsweise: „Sie haben gerade gesagt, dass Sie mehr Platz möchten. Wie ist es, sich diesen Platz auf dem Blatt tatsächlich zu nehmen?“
Vielleicht bleibt es bei dieser Erfahrung. Vielleicht stellt die Person aber selbst eine Verbindung zu ihrem Alltag her: „Ich merke gerade, wie sehr mir auch sonst Freiraum fehlt.“
Erst dann bekommt die Gestaltung eine weiterführende persönliche Bedeutung – und diese Bedeutung entsteht bei der gestaltenden Person selbst.
Werte brauchen Orientierung und Entscheidung
Bei der Wertearbeit verschiebt sich der Schwerpunkt etwas. Hier bieten sich besonders Auswahl, Priorisierung und gestalterische Erprobung an. Eine Person könnte beispielsweise aus einer größeren Anzahl von Wertebegriffen zunächst fünf auswählen. Anstatt sofort darüber zu sprechen, warum gerade diese Werte wichtig sind, erhält jeder Wert eine einfache gestalterische Entsprechung. Anschließend werden die fünf Elemente auf einer größeren Fläche angeordnet. Nun beginnt ein neuer Entscheidungsprozess:
Welcher Wert bekommt viel Raum? Welche Werte liegen nah beieinander? Welcher befindet sich am Rand? Möchte ich die Anordnung verändern? Fehlt etwas? Ist etwas zu dominant? Auch hier wird die Gestaltung nicht von außen interpretiert. Wenn „Freiheit“ am Rand liegt, sagt die begleitende Person also nicht: „Offenbar hat Freiheit in Ihrem Leben zu wenig Platz.“ Sie könnte stattdessen fragen: „Wenn Sie auf Ihre Anordnung schauen: Ist die Position von Freiheit für Sie stimmig?“ Vielleicht lautet die Antwort: „Ja, genau dort gehört sie hin.“ Vielleicht möchte die Person den Wert verschieben. Vielleicht beginnt sie darüber nachzudenken, welche Rolle Freiheit gegenwärtig in ihrem Leben spielt. Die Deutungshoheit bleibt bei ihr.
Wahrnehmen, was für mich stimmig ist
Genau darin liegt eine besondere Möglichkeit kunstbasierter Werte- und Bedürfnisarbeit: Sie übersetzt abstrakte Fragen in einen konkreten Handlungsraum. Menschen können auswählen, gewichten, verändern, Grenzen setzen, etwas verwerfen oder bewusst stehen lassen. Sie können ausprobieren, wie sich eine Entscheidung anfühlt, bevor sie daraus Konsequenzen für ihren Alltag ableiten.
Kunstbasierte Begleitung sagt dabei nicht, welche Werte ein Mensch hat oder welche Bedürfnisse hinter einer Gestaltung verborgen liegen. Sie schafft vielmehr Erfahrungsräume, in denen Menschen selbst wahrnehmen können, was ihnen wichtig ist, was sich für sie stimmig anfühlt und wovon sie vielleicht mehr oder weniger brauchen. Und manchmal beginnt Werte- und Bedürfnisarbeit genau dort: nicht mit der Frage „Was sollte mir wichtig sein?“, sondern mit der Wahrnehmung: „Das hier ist mir wichtig.“