01.11.2026
Eine Teilnehmerin betrachtet ihre Collage. „Hier ist es eng“, sagt sie und zeigt auf mehrere übereinanderliegende Papierstücke. „Wünschen Sie sich mehr Freiraum?“, könnte die Begleitung fragen. Das klingt zunächst aufmerksam und zugewandt. Doch die Frage enthält bereits eine Vorstellung: Enge ist etwas, das verändert werden sollte. Vielleicht erlebt die Teilnehmerin die dicht liegenden Stücke aber als schützend. Vielleicht interessiert sie gerade, wie viel dort zusammenkommt. Eine andere Frage wäre: „Und was für eine Enge ist diese Enge?“ Sie klingt zunächst ungewohnt. Dafür bleibt sie bei dem Wort, das die Teilnehmerin selbst gewählt hat. Genau hier liegt eine Anregung aus Clean Language: genauer erkunden, bevor wir vermeintlich verstanden haben. Welche Bedeutung eine Gestaltung hat, bestimmt die Person, die sie geschaffen hat.
Was ist Clean Language?
Clean Language geht auf den Psychotherapeuten David Grove zurück. Er entwickelte seit den 1980er-Jahren Fragen, die möglichst wenig eigene Vorstellungen in die Beschreibungen seines Gegenübers
einführen. James Lawley und Penny Tompkins systematisierten seine Arbeitsweise später und entwickelten daraus Symbolic Modelling. Im Mittelpunkt stehen die genauen Worte einer Person. Beschreibt
jemand seine Situation als „Knoten“, wird dieser Ausdruck aufgegriffen. Die Begleitung macht daraus weder eine „Blockade“ noch ein „ungelöstes Problem“. Sie erkundet, wie dieser Knoten für die Person
beschaffen ist. Typische Fragen lauten sinngemäß: Was für eine Art von Knoten ist dieser Knoten? Ist da noch etwas über diesen Knoten? Wo ist dieser Knoten? Die Fragen richten Aufmerksamkeit auf
Eigenschaften, Orte oder Beziehungen, ohne diese inhaltlich vorzugeben. Für die kunstbasierte Begleitung ist daran besonders interessant, wie sorgfältig zwischen den Äußerungen der gestaltenden
Person und den Vorstellungen der Begleitung unterschieden wird.
Die eigenen Wörter gelten lassen
Beim Betrachten einer Gestaltung kommen uns als Begleitenden schnell eigene Begriffe in den Sinn. Wir sehen eine Grenze, eine Verbindung, ein Durcheinander oder eine Öffnung. Doch diese Bezeichnungen
stammen bereits von uns und nicht von der Klientin selbst. Sagt eine Person „das Zackige“, würde die Formulierung „diese Spitzen“ den Bezugsrahmen erheblich verändern. Selbst „eine unruhige Linie“
fügt eine Qualität hinzu, die vielleicht gar nicht gemeint war.
Clean Language regt dazu an, solche Verschiebungen wahrzunehmen, statt eine Äußerung sofort in uns vertraute Worte zu übersetzen. Das verlangt Aufmerksamkeit. „Fest“, „dicht“ und „stabil“ können
ähnlich klingen und dennoch sehr unterschiedliche Erfahrungen bezeichnen. Wer die Wörter der Person wörtlich aufgreift, lässt diese Unterschiede zunächst bestehen. Für kunstbasierte Begleitung heißt
das: Auch ungewöhnliche, unvollständige oder tastende Beschreibungen dürfen gelten. Sie müssen nicht sofort für uns selbst verständlicher gemacht werden. Es reicht, wenn die Klientin etwas damit
verbindet.
Ein Bild muss kein Symbol oder eine Metapher sein
Die Verbindung zwischen Clean Language und Gestaltung scheint naheliegend: Menschen sprechen in Bildern und bringen Bilder hervor. Trotzdem wäre es voreilig, jedes Werk als sichtbare Symbollandschaft
zu behandeln. Eine blaue Fläche kann für jemanden Weite ausdrücken. Sie kann aber auch entstanden sein, weil die Farbe gerade bereitstand oder weil ihr Verlauf interessant war. Ein Riss im Papier
muss keine Verletzung darstellen. Vielleicht wurde untersucht, wie sich das Papier verhält. Die Entscheidung, ob etwas eine persönliche oder symbolische Bedeutung erhält, bleibt bei der gestaltenden
Person. Die Frage „Wofür steht das?“ kann deshalb bereits zu viel voraussetzen. Sie fordert eine Erklärung, obwohl die Person vielleicht gerade eine Oberfläche, einen Farbklang oder eine Bewegung
erkundet hat. Clean Language bietet hier eine hilfreiche Orientierung: an dem anzuknüpfen, was die Person tatsächlich ausdrückt. Eine Metapher darf sich entwickeln. Sie muss nicht gesucht werden.
Klärende Fragen sollen die gestaltende Person dabei unterstützen, ihre eigene Erfahrung genauer zu erkunden. Sie dienen nicht dazu, eine Deutung der Begleitung zu bestätigen.
Auch eine freundliche Frage kann lenken
Zurück zur Collage. Die Teilnehmerin sagt: „Hier ist es eng.“ Die Begleitung könnte fragen: „Was hindert Sie daran, die Teile weiter auseinanderzulegen?“ Damit wären bereits ein Hindernis und eine
gewünschte Veränderung eingeführt. Beides hat die Teilnehmerin bisher nicht benannt. Eine Frage nach der Art dieser Enge lässt mehr offen. In einem möglichen Gespräch antwortet die Teilnehmerin: „Wie
in einer vollen Schublade. Aber da ist alles, was ich brauche.“ Nun zeigt sich ein anderer Zusammenhang. Die Enge enthält etwas Wertvolles. Ein vorschnelles Auseinanderschieben hätte die Erkundung
möglicherweise in eine andere Richtung geführt.
Auch Clean-Fragen beeinflussen den Verlauf. Die Auswahl eines Wortes und die Entscheidung, danach zu fragen, lenken Aufmerksamkeit. Lawley und Tompkins betonen ausdrücklich, dass „clean“ keine
Einflussfreiheit bedeutet. Der Anspruch besteht darin, möglichst wenig eigenen Inhalt einzuführen. Die Frage an uns lautet deshalb: Welche Vorstellung bringe ich gerade selbst mit?
Dem Gestalten Zeit lassen
Aus dieser sprachlichen Sorgfalt sollte kein dauerndes Befragen werden. Wer mit Ton arbeitet, Farben schichtet oder Papier faltet, braucht nicht nach jeder Handlung eine Reflexionsfrage.
Aufmerksamkeit kann im Tun bleiben. Eine Materialveränderung wird betrachtet, mit den Händen geprüft oder durch einen weiteren Versuch beantwortet. Die Begleitung kann wahrnehmen, ohne eine Erklärung
einzufordern. Manchmal genügt es, eine Äußerung aufzugreifen und anschließend zu warten. Manchmal möchte die Person einfach weiterarbeiten. Für die Verbindung beider Ansätze ist deshalb entscheidend,
wann Sprache hilfreich wird. Unterstützt eine Frage die eigene Erkundung? Oder unterbricht sie gerade etwas, das sich gestalterisch weiterentwickelt? Auch die Entscheidung, nichts weiter zu fragen,
gehört zur Begleitung.
Technische Unterstützung bleibt möglich
Kunstbasierte Begleitung trägt Verantwortung für Material, Aufgabe und Arbeitsbedingungen. Sie erklärt eine Technik, bietet ein Werkzeug an oder weist auf eine Trocknungsphase hin. Solche Beiträge
bringen bewusst Wissen und Vorschläge der Begleitung ein. Das lässt sich transparent gestalten: „Sie möchten diese Stelle heller haben. Soll ich Ihnen auf einem Probeblatt zeigen, wie sich Farbe
abnehmen lässt?“ Hier folgt der technische Vorschlag einem geäußerten Wunsch. Die Person kann ihn annehmen oder ablehnen. Clean Language muss daher nicht zum alleinigen Verfahren einer Sitzung
werden. Entscheidend ist deshalb nicht, ausschließlich Clean-Language-Fragen zu verwenden, sondern bewusst zwischen sprachlicher Erkundung, technischer Unterstützung und gestalterischem Handeln zu
unterscheiden.
Eine kleine Übung für die eigene Praxis
Nach einer Bildbetrachtung lohnt es sich, einige eigene Fragen zu notieren und zu prüfen:
Dabei geht es um einen genaueren Umgang mit dem eigenen Einfluss. Clean Language schärft eine Haltung, die für kunstbasierte Begleitung wesentlich ist: Wir können aufmerksam mitgehen, ohne die Bedeutung vorwegzunehmen. Wir können nachfragen, ohne bereits zu wissen, worauf die Antwort hinauslaufen soll. Manchmal beginnt das mit einer kleinen sprachlichen Entscheidung: die Worte der anderen Person stehen zu lassen und offen dafür zu bleiben, was sie damit verbindet.
Mehr zum Thema findet unter:
Sullivan, Wendy; Rees, Judy (2025): Clean Language – Enthüllende Metaphern und öffnendes Denken. Für alle, die Lösungen finden – und leben – wollen: für sich selbst, Coachees, Kunden und Patienten.
Übersetzung: Bettina Wellke. 2., vollständig überarbeitete deutschsprachige Auflage. Source of Performance & CleanLanguage.de, Hans-Peter Wellke. 272 Seiten. ISBN 978-3-939853-03-9.
Pole, Nick (2024): Worte, die berühren – Fragen, auf die dein Körper Antwort kennt. Clean Language für die achtsame Körperarbeit in der ganzheitlichen Therapie. Übersetzung: Maria Illgen. 2. Auflage.
Source of Performance & CleanLanguage.de, Hans-Peter Wellke. ISBN 978-3-939853-04-6.
Wellke, Bettina; Wellke, Hans-Peter (2015): Clean Language Karten. Karten zum Üben und Anwenden der Clean Language Basisfragen. 55 Karten, einschließlich drei Jokern. Source of Performance &
CleanLanguage.de, Hans-Peter Wellke. Produktkennung: 4260251440215.
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