08.10.2026
Ein Blatt Papier hängt an der Wand. Farben und Pinsel stehen bereit. Ein Mensch beginnt zu malen. Niemand fragt, was das Bild bedeutet. Niemand bewertet, ob es gelungen ist. Niemand schlägt vor, an welcher Stelle noch etwas ergänzt werden könnte. Diese Situation könnte auf den ersten Blick sowohl in einer kunstbasierten Begleitung als auch in einem Malort nach Arno Stern stattfinden. Tatsächlich gibt es bemerkenswerte Berührungspunkte. In beiden Fällen verliert das künstlerische Ergebnis seine übliche Bedeutung. Es geht nicht darum, ein möglichst gelungenes Kunstwerk herzustellen. Bewertung und Interpretation treten zurück. Die begleitende Person bestimmt nicht, was eine Farbe, eine Form oder eine Spur über den Menschen aussagt. Und doch unterscheiden sich beide Ansätze an einem entscheidenden Punkt. Im Malort nach Arno Stern soll die entstandene Spur gerade nicht zum Gegenstand von Kommunikation und Reflexion werden. In der kunstbasierten Begleitung dagegen kann das eigene gestalterische Handeln anschließend wahrgenommen, beschrieben und – wenn die gestaltende Person dies möchte – mit dem eigenen Leben in Beziehung gesetzt werden. Genau dieser Unterschied lohnt einen genaueren Blick.
Was ist Arno Sterns Malort?
Arno Stern entwickelte seinen Malort aus seiner Arbeit mit Kindern nach dem Zweiten Weltkrieg. 1946 arbeitete er in einem Heim für Kriegswaisen in einem Pariser Vorort und ließ die Kinder malen. In
den folgenden Jahren entwickelte sich daraus eine besondere räumliche und soziale Anordnung, später von ihm als „Closlieu“ beziehungsweise auf Deutsch als „Malort“ bezeichnet. Der Malort ist dabei
keineswegs einfach ein Atelier, in dem Menschen frei malen. Er ist ein genau strukturierter Raum.
Nach den offiziellen Kriterien ist er nach außen geschlossen und soll vor wechselnden Einflüssen der Außenwelt schützen. Im Zentrum steht ein Palettentisch mit festgelegten Farben und Pinseln. Die
Teilnehmenden malen auf eigenen weißen Blättern an den Wänden. Es gibt keine Zuschauer, und Sterns Konzept sieht langfristiges, regelmäßiges Malen in altersgemischten Gruppen vor. Diese feste
Struktur ist wesentlich. Freiheit entsteht bei Stern also nicht dadurch, dass alles möglich ist. Sie entsteht innerhalb eines sehr genau gesetzten Rahmens. Das ist bereits ein interessanter
Berührungspunkt zur kunstbasierten Begleitung.
Freiheit braucht einen Rahmen
Auch kunstbasierte Begleitung geht nicht davon aus, dass größtmögliche Offenheit automatisch zu einem guten kreativen Prozess führt. Ein Tisch voller Materialien und die Aufforderung „Mach einfach,
was du möchtest“ können inspirierend sein. Sie können aber ebenso überfordern. Deshalb braucht auch kunstbasierte Begleitung einen Rahmen: Material, Zeit, Raum, Aufgabenstellung und die Haltung der
begleitenden Person prägen mit, was innerhalb eines Gestaltungsprozesses möglich wird. In beiden Ansätzen begegnet uns damit ein zunächst paradox erscheinender Gedanke:
Freiheit braucht Begrenzung. Der entscheidende Unterschied liegt jedoch darin, wofür dieser Rahmen geschaffen wird.
Bei Arno Stern entsteht kein Bild für andere
Für Stern ist das, was im Malort geschieht, weder Kunsterziehung noch Kunsttherapie. Er bezeichnet die Tätigkeit als Malspiel und die unter den Bedingungen des Malortes entstehende Äußerung als
Formulation. Seine offizielle Darstellung grenzt diese ausdrücklich sowohl vom künstlerischen Schaffen als auch von therapeutischer Anwendung ab. Besonders wichtig ist dabei: Die entstehende Spur
soll keine Mitteilung an andere Menschen sein. Das Bild wird nicht für ein Publikum geschaffen. Es wird nicht ausgestellt. Es wird nicht fotografiert und nach außen getragen. Nach Sterns offiziellen
Malort-Kriterien bleiben die entstandenen Bilder sogar im Malort. Entscheidend sei das Tun und Erleben, nicht das spätere Zeigen des Ergebnisses. Das verändert die Situation des Malens grundlegend.
Wer nichts zeigen muss, muss niemanden beeindrucken. Es gibt keine Note. Keinen Kunstmarkt. Kein Publikum. Und idealerweise auch nicht die Frage: „Was werden die anderen wohl darin sehen?“
Auch kunstbasierte Begleitung verzichtet auf Deutung
Hier besteht eine deutliche Nähe. Auch kunstbasierte Begleitung betrachtet ein Bild nicht als verschlüsselte Botschaft über die Persönlichkeit. Eine dunkle Fläche bedeutet nicht automatisch Trauer.
Rot bedeutet nicht automatisch Wut.
Eine kleine Figur beweist keine Unsicherheit. Und eine leere Fläche muss nicht für Einsamkeit stehen. Die Bedeutung bleibt bei der Person, die gestaltet.
Auch Stern lehnt subjektive Interpretation ausdrücklich ab. Seine Ausdruckssemiologie richtet sich nach seiner eigenen Darstellung nicht auf den individuellen Inhalt oder die Motivation einer Spur,
sondern auf die Gesetzmäßigkeiten des grafischen Geschehens, das er als Formulation bezeichnet. Doch genau an dieser Stelle trennen sich die Wege wieder.
Im Malort wird über das Bild nicht gesprochen
Nach Sterns offiziellen Kriterien wird im Malort zwar gesprochen – aber nicht über die entstehenden Bilder. Auch nach dem Malen soll das Geschehen nicht ausgewertet werden. Das Bild soll gerade nicht
zum Kommunikationsobjekt werden. Das ist konsequent. Denn sobald jemand fragt: „Wie war das für dich?“ „Was fällt dir an deinem Bild auf?“ oder „Kennst du diese Erfahrung aus deinem Alltag?“
verändert sich die Funktion des Geschehens. Die Spur wird nun Bestandteil eines Reflexionsprozesses. Genau das möchte Stern im Malort vermeiden. In der kunstbasierten Begleitung kann dagegen genau
hier ein wesentlicher Teil der Arbeit beginnen.
Kunstbasierte Begleitung fragt nach der Erfahrung
Stellen wir uns vor, eine Person arbeitet längere Zeit mit Aquarellfarbe. Die Farbe läuft anders als erwartet. Zunächst versucht sie, den Verlauf zu kontrollieren. Dann hält sie inne, betrachtet das
Geschehen und entscheidet, an einer anderen Stelle weiterzuarbeiten. In der kunstbasierten Begleitung könnte anschließend gefragt werden:
„Was haben Sie in diesem Moment wahrgenommen?“ Vielleicht antwortet die Person: „Ich habe gemerkt, dass ich immer wieder versucht habe, die Farbe zurückzudrängen.“ Die Begleitung könnte weiterfragen:
„Und was haben Sie dann gemacht?“ „Irgendwann habe ich aufgehört und geschaut, was passiert.“ Bis hierhin bleibt das Gespräch eng beim tatsächlich Erlebten. Vielleicht sagt die Person irgendwann
selbst:
„Das kenne ich von mir. Wenn etwas anders läuft als geplant, versuche ich ziemlich lange, wieder Kontrolle hineinzubringen.“ Nun entsteht eine Verbindung zum Alltag. Aber sie wurde nicht von der
Begleitung in das Bild hineingedeutet. Die gestaltende Person selbst stellt die Verbindung her. Genau diese Möglichkeit unterscheidet kunstbasierte Begleitung grundlegend vom Malort.
Dienen und Begleiten sind nicht dasselbe
Auch die Rollen der professionell anwesenden Personen ähneln sich auf den ersten Blick und unterscheiden sich bei genauerem Hinsehen erheblich. Arno Stern bezeichnet die Rolle im Malort ausdrücklich
als dienende Rolle. Die dienende Person vermittelt kein künstlerisches Wissen und soll weder bewundern noch kommentieren oder deuten. Sie sorgt vielmehr mit großer Aufmerksamkeit dafür, dass das
Malspiel unter den vorgesehenen Bedingungen stattfinden kann und die Malenden von unnötigen materiellen Schwierigkeiten entlastet werden. Auch kunstbasierte Begleitung versteht sich nicht als
künstlerische Meisterrolle. Die begleitende Person sagt nicht: „Ich zeige Ihnen, wie man das richtig malt.“ Und sie sagt ebenso wenig: „Ich erkläre Ihnen, was Ihr Bild bedeutet.“ Aber sie übernimmt
eine andere Verantwortung.
Sie gestaltet Aufgabenstellungen und Rahmenbedingungen, beobachtet den Prozess, achtet auf Überforderung, kann Wahrnehmungsfragen anbieten und unterstützt gegebenenfalls den Übergang von der
gestalterischen Erfahrung zur Reflexion. Sie dient also nicht dem Malspiel, sondern begleitet einen Prozess. Das ist mehr als ein sprachlicher Unterschied.
Im Malort gibt es kein Coachingziel
Noch deutlicher wird die Differenz bei der Frage nach dem Anlass. Niemand sollte in einen Malort nach Arno Stern gehen, um dort beispielsweise seine berufliche Entscheidung zu klären, einen
Teamkonflikt zu bearbeiten oder die eigenen Werte zu reflektieren. Das würde der Logik des Malortes widersprechen. Das Malspiel soll nicht Mittel zum Erreichen eines solchen externen Ziels sein.
Kunstbasierte Begleitung kann dagegen mit einem Anliegen beginnen. Zum Beispiel: „Ich stehe vor einer beruflichen Veränderung.“ „Ich kann schlecht Grenzen setzen.“ „Ich möchte herausfinden, was mir
wichtig ist.“ „Unser Team findet keine gemeinsame Richtung.“
Die kreative Aufgabe wird dann so gewählt, dass ein Erfahrungsraum entsteht, in dem Aspekte dieses Anliegens wahrgenommen und erprobt werden können. Das Bild liefert dabei nicht die Lösung. Aber das
eigene Handeln während des Gestaltens kann zum Gegenstand der Reflexion werden.
Was kunstbasierte Begleitung vom Malort lernen kann
Gerade weil beide Ansätze unterschiedlich sind, finde ich die Gedanken Sterns für kunstbasierte Begleitung interessant. Besonders bedeutsam erscheint mir seine Konsequenz, mit der er die Spur vor
Bewertung schützt. Nicht jedes Bild muss besprochen werden. Nicht jedes gestalterische Detail braucht Bedeutung. Nicht jede kreative Erfahrung muss anschließend in eine Erkenntnis übersetzt
werden.
Und nicht jede Pause der begleitenden Person muss durch eine kluge Frage gefüllt werden. Stern erinnert uns daran, dass Gestalten selbst eine vollständige Tätigkeit sein kann. Für kunstbasierte
Begleitung ist das eine wichtige Mahnung. Denn auch dort kann Reflexion zu viel werden. Wer nach jedem Strich fragt, was er bedeutet, zerstört möglicherweise genau jene Offenheit, die kreatives
Arbeiten ermöglicht. Und wo kunstbasierte Begleitung bewusst einen anderen Weg geht
Kunstbasierte Begleitung bleibt dennoch nicht beim Malspiel stehen. Sie interessiert sich für Übergänge: vom Handeln zum Wahrnehmen, vom Wahrnehmen zum Entscheiden, vom Gestalten zum Abstandnehmen
und – wenn es für die Person sinnvoll ist – von der gestalterischen Erfahrung zurück in den Alltag.
Dabei wird nicht gefragt: „Was bedeutet Ihr Bild?“ Sondern eher: „Was haben Sie während des Gestaltens bemerkt?“ Dieser Unterschied ist klein und zugleich grundlegend. Das Bild wird nicht
diagnostiziert. Die Person wird nicht interpretiert. Aber die eigene Erfahrung darf zum Gegenstand bewusster Reflexion werden.
Zwei unterschiedliche Antworten auf dieselbe wichtige Frage
Arno Sterns Malort und kunstbasierte Begleitung verbindet damit eine grundlegende Haltung: Ein Mensch muss kein Künstler sein, damit Gestalten bedeutsam sein kann. Das Ergebnis muss nicht bewertet
werden. Und die begleitende Person besitzt keine Deutungshoheit über das Entstandene. Danach gehen beide Ansätze unterschiedliche Wege. Der Malort schützt das Malspiel gerade dadurch, dass die Spur
nicht zur Botschaft, zum Kunstwerk oder zum Reflexionsgegenstand für andere wird.
Kunstbasierte Begleitung schützt die Selbstbestimmung auf andere Weise: Das Werk wird ebenfalls nicht von außen gedeutet, aber die gestaltende Person kann ihr eigenes Handeln betrachten, beschreiben
und daraus selbst Bedeutung entwickeln. Vielleicht lässt sich der Unterschied deshalb in zwei Fragen zusammenfassen. Der Malort ermöglicht: Was geschieht, wenn ein Mensch malen darf, ohne etwas
zeigen, erklären oder erreichen zu müssen? Kunstbasierte Begleitung fragt zusätzlich: Was kann ein Mensch über sein eigenes Wahrnehmen, Entscheiden und Handeln erfahren, wenn er gestaltet – und was
davon möchte er mit in sein Leben nehmen?