05.11.2026
Die Teilnehmerin eines Kreativitätstrainings sitzt vor ihrer Collage. Auf dem Papier liegen Häuser und Wege im Kreis. Sie schiebt einen Weg nach links, ein Haus nach rechts und sagt: „Bei mir ist
das immer so. Ich fange etwas Neues an, und am Ende lande ich wieder dort, wo ich gestartet bin.“ Vielleicht wiederholen sich in ihrem Leben tatsächlich bestimmte Erfahrungen. Vielleicht hat sich
über die Jahre aber auch eine Geschichte verdichtet, in der Umwege und gescheiterte Anläufe viel Gewicht bekommen, während die Strecken, auf denen sie vorangekommen ist, kaum vorkommen.
Bemerkenswert ist, was ihre Hände währenddessen tun: Während sie von Stillstand spricht, ordnet sie ihre Landschaft neu. Ob sie darin einen Widerspruch zu ihrer Erzählung spürt, bleibt offen.
Vielleicht ist sie ganz bei den Papierstücken. Genau hier entsteht eine interessante Verbindung zwischen kunstbasierter Begleitung und Narrative Coaching: Unsere Geschichten über uns selbst sind
nicht unveränderlich.
Wir erzählen uns selbst
Menschen sind erstaunlich gut darin, Zusammenhänge herzustellen. Wir erinnern uns an Ereignisse, verbinden Ursachen mit Folgen und versuchen, dem Ganzen einen Sinn zu geben. Allerdings sind unsere
Geschichten nicht eins zu eins mit der Wirklichkeit identisch. Sie sind Deutungen dessen, was wir erlebt haben. Wir wählen bewusst und unbewusst aus, welche Ereignisse wir erinnern und welche
Bedeutung wir ihnen geben. Mit der Zeit entstehen daraus Sätze, die wir kaum noch hinterfragen:
Das klingt nach Tatsachen. Schauen wir aber einmal genauer hin. Wer sich für unkreativ hält, hat womöglich gelernt, Kreativität mit schönen Bildern oder außergewöhnlichen Ideen gleichzusetzen. Wer
glaubt, sich schlecht entscheiden zu können, erinnert sich vielleicht vor allem an schwierige Situationen. Die Erfahrungen sind real, lassen aber häufig mehr als eine Deutung zu.
Eine verwandte Perspektive findet sich in der narrativen Therapie von Michael White und David Epston. Sie interessieren sich unter anderem für Erfahrungen, die in einer vorherrschenden persönlichen
Geschichte wenig Beachtung finden. Auch für Narrative Coaching ist die Frage interessant, welche Erfahrungen bisherige Selbstbeschreibungen erweitern können. Narrative Coaching wurde maßgeblich von
David B. Drake geprägt. Er untersucht, wie Menschen ihre Erfahrungen in Geschichten ordnen und wie diese Geschichten ihr gegenwärtiges Erleben und Handeln beeinflussen. Dabei geht es nicht darum,
eine negative Geschichte einfach durch eine positive zu ersetzen. Das wäre zwar verlockend, nur funktioniert Entwicklung leider nicht so einfach. Drake interessiert sich nicht allein dafür, was
Menschen erzählen, sondern auch dafür, was sie im Moment des Erzählens erleben, wie sie körperlich und emotional reagieren und welche neuen Handlungsmöglichkeiten daraus entstehen. Hier wird
Narrative Coaching für die kunstbasierte Begleitung besonders interessant: Auch beim Gestalten können wir etwas ausprobieren und im besten Fall neue Spielräume und Selbstwirksamkeit im Hier und Jetzt
erleben.
Die Weisheit im Tun
Eine Frau in einem anderen Workshop ist überzeugt, nur dann etwas „Brauchbares“ gestalten zu können, wenn sie das Ergebnis vorab fertig konzipiert hat und genau beschreiben kann. Sie beginnt eine
Collage. Alles wird sorgfältig ausgewählt, zugeschnitten und angeordnet. Dann kommt ein Windstoß. Elemente verrutschen an eine andere Stelle, und ausgerechnet dort sehen sie überraschend gut aus. Was
nun?
Sie könnte die Papiere natürlich zurücklegen. Sie könnte aber auch innehalten, weitere Elemente verschieben und eine Anordnung entdecken, auf die sie ohne den Zufall nicht gekommen wäre. Am Ende sagt
sie: „Eigentlich dachte ich immer, ich müsste alles vorher genau festlegen. Hier war das anders.“
Es wäre maßlos übertrieben zu behaupten, der Windstoß habe eine tiefgreifende Veränderung ausgelöst. Die Teilnehmerin hat zunächst nur eine ungeplante Veränderung wahrgenommen und für ihre weitere
Gestaltung genutzt. Narrative Coaching ergänzt diese Erfahrung um eine Frage: Was geschieht, wenn das eigene Handeln unseren bisherigen Vorstellungen von uns selbst widerspricht? Möglicherweise gar
nichts. Vielleicht beginnt die Teilnehmerin aber auch, ihre Vorstellungen von Planung und Kontrolle zu überprüfen.
Drake richtet seine Aufmerksamkeit nicht nur auf vergangene Erfahrungen, sondern auch auf das gegenwärtige Erleben. Beim Gestalten wird das besonders deutlich: Ton gibt unter unseren Händen nach oder
setzt Widerstand entgegen, Aquarellfarbe verläuft nicht immer planbar, Holz lässt sich nicht beliebig verformen. Wir reagieren auf die Eigenschaften des Materials und passen unser Handeln an. Dabei
können wir auch etwas über unsere Erwartungen und gewohnten Vorgehensweisen erfahren.
Vier Phasen, die Orientierung geben
Drake beschreibt im Narrative Coaching vier miteinander verbundene Phasen: Situate, Search, Shift und Sustain. Sie geben Veränderungsprozessen Orientierung. Kehren wir dafür zur Teilnehmerin vom Anfang zurück, die mit ihren Wegen und Häusern arbeitet.
1. Situate – die Situation verstehen. Welche Erfahrung beschäftigt die Person gerade, und welche Geschichte erzählt sie darüber? Die Teilnehmerin sagt: „Am Ende lande ich immer
wieder dort, wo ich gestartet bin.“ Zunächst geht es nicht darum, diesen Satz zu korrigieren, sondern ihn wahrzunehmen. Ebenso wichtig ist, was sie erlebt, während sie ihn ausspricht, und wie sie
dabei auf ihre Collage schaut.
2. Search – Erfahrungen und Möglichkeiten erkunden. Welche Erfahrungen prägen diese Sichtweise? Was wurde möglicherweise übersehen? Hier kann die Gestaltung zusätzliche Zugänge
eröffnen. Die Teilnehmerin kann Wege anders legen, Häuser verschieben, Elemente hinzufügen oder weglassen. Vielleicht erinnert sie sich dabei auch an Wege, die woanders hingeführt haben.
3. Shift – eine Veränderung ermöglichen und erproben. Beim Verschieben bemerkt sie möglicherweise, dass ein Weg nicht zurück zum Ausgangspunkt führt, sondern noch zu keinem Ziel.
Oder sie stellt fest, dass „wieder ankommen“ für sie nicht nur Scheitern bedeutet, sondern auch Rückkehr an einen Ort, an dem sie Kraft schöpft. Ob sie solche Zusammenhänge herstellt und welche
Bedeutung sie ihnen gibt, entscheidet allein sie. Eine veränderte Sichtweise kann jedoch neue Handlungsoptionen eröffnen.
4. Sustain – das Neue im Alltag aufgreifen. Eine Erkenntnis ist noch keine dauerhafte Veränderung. Erst wenn neue Handlungsmöglichkeiten im Alltag erprobt werden, zeigt sich, ob sie
tragen. Die Erfahrung im kreativen Prozess kann dabei als Erinnerung dienen, etwa durch ein Foto der Collage, das die Teilnehmerin mitnimmt.
Natürlich lassen sich die Phasen des Narrative Coaching nicht eins zu eins auf kunstbasierte Begleitung übertragen. Sie verdeutlichen aber, wie Erfahrung, Reflexion und Handeln in Veränderungsprozessen zusammenwirken können.
Nicht jede Geschichte muss neu erzählt werden
Eine Teilnehmerin stellt während einer Gruppenarbeit fest, dass sie lieber allein arbeitet. Womöglich hat sie gelernt, dass Teamfähigkeit bedeutet, möglichst viel gemeinsam zu tun. Muss sie nun ihre
Geschichte verändern und lernen, Gruppenarbeit mehr zu mögen? Nein. Ihre Erkenntnis kann gerade darin bestehen, die eigene Arbeitsweise ernst zu nehmen. Vielleicht braucht sie keine neue Fähigkeit,
sondern andere Arbeitsbedingungen. Nicht jede Schwierigkeit entsteht durch eine ungünstige Selbstbeschreibung. Wer ständig unter Zeitdruck steht, braucht keine neue Geschichte über seine
Belastbarkeit. Er braucht möglicherweise schlicht mehr Zeit.
Narrative Coaching sollte deshalb nicht als Aufforderung verstanden werden, jede persönliche Geschichte zu verändern. Manchmal genügt es, eine bisherige Überzeugung zu hinterfragen. Manchmal
bestätigt eine Erfahrung aber auch, dass die eigenen Bedürfnisse und Grenzen ernst genommen werden sollten.
Was können wir von Narrative Coaching lernen?
Erstens: Unsere Vorstellungen von uns selbst können sich verändern. Wenn jemand sagt: „Ich bin nicht kreativ“, ist es nicht an uns, diese Aussage zu bestätigen oder sie zu
widerlegen. Wir können aber Erfahrungen ermöglichen, die eine weitere Sichtweise erlauben.
Zweitens: Es lohnt sich, auf kleine Wendepunkte zu achten. Eine veränderte Form, ein anderes Material oder ein aufgegebener Plan können neue Spielräume eröffnen.
Drittens: Eine Erkenntnis ist noch keine Veränderung im Alltag. Wer beim Gestalten entdeckt, dass er mit unerwarteten Situationen besser umgehen kann als gedacht, wird deshalb nicht
automatisch gelassener.
Viertens: Persönliche Geschichten entstehen nicht im luftleeren Raum. Drake berücksichtigt auch kollektive Narrative, die unsere Vorstellungen von uns selbst prägen. Einen Satz wie
„Ich bin nicht kreativ“ hat selten jemand allein erfunden. Er kann aus der Schule, der Familie oder aus gesellschaftlichen Vorstellungen davon stammen, was als kreativ gilt. Wer das mitdenkt, kann
eine scheinbar persönliche Schwäche als übernommene Zuschreibung erkennen und prüfen, ob sie heute noch passt.
Wo kunstbasierte Begleitung ihren eigenen Weg geht
Narrative Coaching beschäftigt sich damit, wie Menschen ihre Erfahrungen in persönliche Geschichten einordnen und welche Möglichkeiten sich daraus ergeben. Kunstbasierte Begleitung braucht dagegen
nicht immer eine Geschichte als Ausgangspunkt. Eine rote Fläche ist zunächst eine rote Fläche. Eine Figur aus Ton ist eine gestaltete Form. Ob sie darüber hinaus eine biografische Bedeutung hat,
lässt sich nicht aus ihrem Aussehen ableiten. Manchmal geht es um Farbe, Form, Material oder einfach um die Freude am Experimentieren. Eine Gruppe kann gemeinsam eine Installation entwickeln und
dabei Zusammenarbeit erleben, ohne daraus eine Erzählung über ihre Teamidentität abzuleiten. Solche Erfahrungen sind auch ohne biografische Deutung wertvoll. Doch beide Ansätze können sich ergänzen:
Kunstbasierte Begleitung eröffnet Möglichkeiten des Handelns und Erlebens. Narrative Coaching regt dazu an, zu erkunden, ob und wie solche Erfahrungen vertraute Selbstbeschreibungen bestätigen oder
verändern.
Wir müssen nicht wissen, welche Geschichte ein Mensch morgen über sich erzählen wird. Wir können aber Bedingungen schaffen, unter denen er heute eine neue Perspektive gewinnen kann.
Dank
Für einen kritischen Blick auf meine Gedanken bedanke ich mich herzlich bei Anne M. Schweppenhäußer.
https://beltz.de/autor_innen/a-z/S/anne-m-schweppenhaeusser