22.09.2026
Bei der klassischen Berufsorientierung wird häufig relativ schnell gefragt:
Kunstbasierte Begleitung kann einen Schritt davor ansetzen:
Vom Berufstitel zum Erleben
Die Frage „Welcher Beruf passt zu mir?“ ist ausgesprochen komplex. Denn ein Beruf besteht nicht nur aus Tätigkeiten. Ebenso wichtig sind Arbeitsumgebung, Autonomie, soziale Kontakte, Verantwortung,
Sicherheit, Abwechslung, Tempo, körperliche Anforderungen oder die Frage, wie viel Gestaltungsspielraum jemand braucht. Deshalb würde eine kunstbasierte Berufsorientierung zunächst nicht mit
Berufsbildern beginnen. Eine Person könnte beispielsweise gestalten: „Ein Arbeitstag, an dem ich mich wohlfühlen würde.“ Dabei muss kein realistischer Arbeitsplatz entstehen. Es kann ein Moodboard
aus Flächen, Farben, Collageelementen, Linien, Wörtern oder Fotografien werden. Anschließend wird nicht interpretiert. Eine große freie Fläche bedeutet also nicht automatisch „Sie brauchen Freiheit“.
Stattdessen bleibt die Begleitung bei der Wahrnehmung: Was fällt Ihnen auf? Wo würden Sie sich in dieser Gestaltung gern aufhalten? Was wirkt anziehend? Was möchten Sie verändern? Was dürfte auf
keinen Fall fehlen? Vielleicht sagt die Person selbst irgendwann: „Interessant – überall sind Menschen, aber ich habe auch einen Bereich nur für mich.“ Oder: „Eigentlich habe ich überhaupt keinen
festen Arbeitsplatz gestaltet.“ Dann entsteht die Erkenntnis bei der Person selbst.
Werte und Bedürfnisse werden zu Kriterien
Hier verbindet sich Berufsorientierung unmittelbar mit der Werte- und Bedürfnisarbeit.
Aus einer Gestaltung könnten nach und nach Kriterien für ein zukünftiges Arbeitsleben hervortreten: Ich möchte mit Menschen arbeiten, aber nicht ständig. Ich brauche Abwechslung. Mir ist Sicherheit
wichtiger, als ich dachte. Ich möchte sichtbare Ergebnisse meiner Arbeit erleben. Ich brauche Zeiten, in denen ich ungestört arbeiten kann. Damit wird aus der zunächst sehr großen Frage „Welcher
Beruf passt zu mir?“ allmählich eine präzisere: „Welche Bedingungen sollte meine berufliche Tätigkeit erfüllen, damit sie zu mir passen könnte?“ Das halte ich für einen wesentlichen Beitrag
kunstbasierter Begleitung.
Ein 5-Phasen-Modell zur Planung
Das Prozessmodell aus meinem Buch bietet dafür eine passende Struktur. Es versteht kreative Prozesse nicht als lineare Abfolge, sondern als Orientierung anhand unterschiedlicher
Prozessqualitäten.
Besonders interessant wäre die Arbeit mit mehreren Zukunftsbildern Ich würde sogar vermeiden, nur das klassische „Mein Traumberuf“-Bild gestalten zu lassen. Das erzeugt schnell den Druck, eine einzige richtige Antwort finden zu müssen. Spannender wären beispielsweise drei Collagen:
Anschließend werden die drei Arbeiten miteinander verglichen: Wo gibt es Unterschiede? Was wiederholt sich? Was überrascht? Welche Arbeitsbedingungen scheinen besonders wichtig? Damit entsteht keine Berufsempfehlung, sondern eine persönliche Kriterienlandkarte. Und genau diese kann anschließend mit der Realität abgeglichen werden.
Hier liegt auch die Grenze
Kunstbasierte Begleitung ersetzt keine fundierte Berufsberatung. Sie kann beispielsweise nicht zuverlässig beantworten, welche Qualifikation für jeden Beruf erforderlich ist, wie die
Arbeitsmarktaussichten aussehen, welche Ausbildungswege bestehen oder welche Tätigkeit aufgrund vorhandener Kompetenzen objektiv am besten geeignet wäre. Dafür braucht es anschließend Recherche,
Berufsberatung, Kompetenzanalyse oder praktische Erprobung. Ihre Stärke liegt vielmehr in der Vorbereitung solcher Entscheidungen. Sie kann Menschen dabei unterstützen, eigene Interessen,
Bedürfnisse, Werte, Präferenzen und Reaktionen bewusster wahrzunehmen und daraus Kriterien für berufliche Entscheidungen zu entwickeln.
Kunstbasierte Begleitung hilft nicht dabei, den einen „passenden Beruf“ im Bild zu entdecken. Sie kann jedoch helfen, genauer zu erkennen, was eine berufliche Tätigkeit bieten sollte, damit sie zur eigenen Person, zu den eigenen Werten und zur gewünschten Lebensgestaltung passen könnte.